Wer war Wöhler?
von W. Rudersdorf
Dr. August Anton Wöhler wurde am 28. Januar 1771 in Kassel als Sohn des Landgräflich Hessischen Oberbereiters in Kassel, Johann Friedrich Wöhler, geboren. In Marburg studierte er Tierarzneikunde und Landwirtschaft, vertiefte aber auch seine Bildung durch das Studium der philosophischen und philologischen Wissenschaften. 1817 erhielt er von der Universität Marburg das Diplom als Dr.phil. "Ein reicher Schatz gediegener Kenntnisse, eine stets rege Begeisterung für edle Ideen waren die Errungenschaften seiner Studienzeit".
1803 wurde der Landgraf von Hessen-Kassel Kurfürst. August Anton Wöhler von ihm zum Stallmeister des damals in Hanau residierenden Kurprinzen, des späteren Kurfürsetn Willhelm II. von Hessen-Kassel, ernannt. Dieser Prinz, ein etwas despotisch veranlagter Herr, war bekannt durch seine Jähzornausbrüche. Wöhler, der im Geiste der Aufklärung erzogen war, war gewillt, "nur den Menschen im Menschen zu sehen". Er war nicht bereit, diese despotischen Allüren hinzunehmen.
"Eines Tages besuchte der Prinz in Begleitung des jungen Stallmeisters seinen Marstall. Irgendein geringfügiger Umstand erregte dermassen seinen Zorn, dass er sich seinem Begleiter gegenüber zu den unerträglichsten Beschimpfungen und schliesslich zu Tätlichkeiten hinreissen liess. Dies war aber unserem wackeren Stallmeister denn doch zu viel. Er ergriff eine Reitpeitsche und gab seiner Hoheit einen Denkzettel, wie sie ihn zweifelsohne oft genug verdient, aber schwerlich früher erhalten hatte. Ein guter Renner entführte den Zuchtmeister rasch der unmittelbaren Machtsphäre des Gezüchtigten. Der, mit Recht besorgt, noch obendrein lächerlich zu werden, war klug genug, den Flüchtling nicht zu verfolgen."
Die Gattin Wöhlers fand Unterkunft in Hause ihres Schwagers, der in Eschersheim bei Frankfurt Pfarrer war. Im dortigen Pfarrhaus wurde am 31.Juli 1800 der Chemiker Friedrich Wilhelm Wöhler geboren.
August Anton Wöhler wurde nun herzoglicher Stallmeister und Physikatstierarzt in Meinigen. Dort entfaltete er eine ungemein segensreiche Tätigkeit. Durch vielseitige Verbesserungen, besonders in der Landwirtschaft, gewann er schnell eine einflussreiche Stellung und wurde mit zahlreichen Nebenämtern vertraut. So war er u.a. auch Intendant des herzoglichen Hoftheaters. 1806 siedelte er über nach Rödelheim nach Frankfurt, um auf seinem dort gekauften Hofgut als Landwirt tätig zu sein. Durch dessen mustergültige Bewirtschaftung erregte er bald die Aufmerksamkeit des Fürstenprimas Karl Freiherrn von Dalberg. 1812 verlegte er seinen Wohnsitz nach Frankfurt unter Beibehaltung seines Hofgutes und nahm die Stellung eines Stallmeisters am Grossherzoglichen Hofe Dalbergs an."Reiche Grundbesitzer übertrugen ihm die Einrichtung und Oberleitung ihrer Oekonomien; auch die von Rothschild`schen wurden von ihm angelegt und galten allgemein als Muster der Zweckmässigkeit.
Mit grossem Interesse verfolgte er 1816 die Gründung der "Gesellschaft zur Beförderung nützlicher Künste und deren Hülfswissenschaften". Schon im Oktober 1817 erwarb er deren Mitgliedschaft.1820 wurde er ihr "Proponierender Secretair" und stand nun 30 Jahre lang bis zu seinem Tod 1850 an deren Spitze. Bei seiner Wiederwahl Ende 1826 wurde ihm das Prädikat "Präsident der Gesellschaft" verliehen.
Er entfaltete eine grosse Aktivität nicht zuletzt als Direktor unserer Schulanstalten. Da war zunächst die 1817 eröffnete Sonntagsschule. Hinzu kam eine Gewerbeschule als Abendschule Bei den jährlich durchgeführten öffentlichen Prüfungen mit Preisverteilung wies Wöhler die Öffentlichkeit auf den Zweck der Unterrichtsanstalten und auf das Bildungsziel hin. Er zeigte dabei eine eingehende Kenntnis der pädagogischen Ideen der Aufklärung. Wöhler griff die Anregungen des Frankfurter Buchbinders Ph.J.Döring und des Professors Thilo vom Gymnasium Francofortanum auf und liess sie durch Sachverständige genau prüfen. Das Ergebnis: am 12. Juni 1822 eröffnete die Frankfurter Sparkasse ihre Tätigkeit. Präsident Wöhler war auch führend beteiligt bei der Gründung einer Anstalt für den "Unterricht und die Erziehung bildungsfähiger Blinder". Auch die Eröffnung eines Instituts für Garten und Feldbau geht auf ihn zurück. Er veranstaltete Blumen- und Pflanzenausstellungen. Die von der Gesellschaft seit 1826 durchgeführte Ausstellung "von gelungenen Produkten des Fleisses und Talentes ihrer Mitbürger aus dem Künstler- und Handwerkerstande" hatten die Gründung eines Gewerbevereins zur Folge.
Gelegenheit zur Weiterbildung boten auch die von Dr.Wöhler eingerichteten Vorlesungen über Experimentalphysik, Astronomie, Geometrie und Handelswissenschaften. Anlässlich des funfundzwanzigjährigen Amtsjubiläums von Dr.Wöhler als Leiter der Polytechnischen Gesellschaft wurde von dieser am 25. Januar 1846 die Wöhler-Stiftung zur Ausbildung junger Leute für den Gewerbe- und Handelsstand eingerichtet.
Zuletzt aktualisiert am Freitag, 17. Juli 2009 um 19:51 Uhr